Fiktiver Tagebucheintrag:
„Die Einsamkeit war kaum zu ertragen und hielt Stunden an. Sie fraß sich in meine Brust wie ein Loch, ein Durchschuss. Es schmerzte körperlich, ein dumpfes Ziehen mitten in der Brust. Er hatte sich nicht gemeldet. Obwohl ich wusste warum, und es verstand, war da dieser Zweifel. Er machte sich lustig über mich? Verhöhnte mich? Lachte über meine Zuneigung? Ich hielt das alles kaum mehr aus und versuchte fieberhaft zu forschen, was in mir einsam war. Denn ich war nicht vollständig einsam, nicht mit meiner ganzen Person. Der Hinweis ließ nicht lange auf sich warten. Im Traum erschien mir mein Bruder. Ich hatte ihn schon lange verloren. Irgendwann fing er an, mich seltsam zu finden, weil ich anders war als er. Langsam schloss sich das Loch in meiner Brust. Das war es. Ich hatte es gefunden: Das verletzte Ich, das sich danach sehnte in Ordnung zu sein. Und es nie gezeigt bekam. Von niemandem in der Familie. Der Lächerlichkeit preisgegeben. Bis er kam.“
Auch jenseits gravierender Traumata können hochsensitive Menschen langfristig an den Folgen von Unverständnis durch nahe Bezugspersonen in ihrer Biografie leiden. Sie können die negative Seite einer Außenseiterrolle selbst dann erlebt haben, wenn sie im Außen überangepasst, offen, verständnisvoll, hilfsbereit und naiv bei anderen gut ankamen. Im Innern dagegen gähnende Leere, Misstrauen und die letztlich berechtigte Sehnsucht nach Kontakt zu ebenfalls hoch wahrnehmenden Mitmenschen, die berechtigte Sehnsucht nach Resonanz, Gleichklang und Verstandenwerden.